Häufig wird die Sexfreundschaft als die eierlegende Wollmichsau angesehen. Warum auch nicht? Es klingt doch zu gut: Man hat regelmäßigen Sex, kennt sich, mag sich und alles ist angenehm unverbindlich. Besser geht es nicht. Was ist dran an diesem Mythos? Hier möchte ich einen ungeschönten Erfahrungsbericht teilen. Denn ich selbst habe einige Erfahrungen mit dieser Art von sexuellen Bekanntschaften gemacht – aus meiner Perspektive als Mann mit Frauen. Natürlich ist dies nur eine einzelne Sichtweise, aber vielleicht hilft sie dem einen oder anderen Leser, etwas Licht in diesen Sachverhalt zu bringen.
Sexfreundschaften beruhen oft nicht auf fairer Gegenseitigkeit
Ehrlich gesagt war jede Freundschaft Plus, die ich geführt habe, emotional unausgewogen. Entweder war ich der Frau emotional mehr zugetan als sie mir gegenüber – oder umgekehrt. Alleine das nimmt schon die vielgerühmte Zwanglosigkeit. Realistisch betrachtet waren viele meiner Sexfreundinnen mehr oder weniger in mich verliebt. Das wusste ich meistens auch, habe es aber gekonnt verdrängt. Letztlich ist das oft das Kernkonstrukt solcher Bekanntschaften: Eine Person ist verliebt, die andere will primär Sex.
Das ist die brutale Wahrheit. Natürlich stimmt das nicht für jede Konstellation, aber es kommt extrem häufig vor. Um es noch verwirrender zu machen: Die Verteilung kann sich im Laufe der Zeit auch ändern. Sprich, plötzlich entwickelt man selbst tiefere Gefühle für die Frau, während diese sich emotional längst abgeschottet hat. Eine absolut faire Verteilung der Emotionen, bei der beide wirklich komplett locker und frei von Erwartungen bleiben, kommt eher selten vor. Unmöglich ist sie freilich nicht.
Eine langfristige Freundschaft Plus ist eher selten
Immer wieder habe ich mir gewünscht, dass es diesmal richtig lange mit meiner neuen Sexpartnerin gutgehen würde. Schließlich ist es ein verdammt praktisches Konstrukt: Man fühlt sich nicht ganz allein und ist sexuell versorgt. Aber früher oder später kam doch immer etwas dazwischen – meistens früher.
Variante 1: Es geht eine Weile gut, aber man spürt, dass sich einer von beiden nach einer echten Beziehung sehnt. Auf einmal erhält man eine Nachricht, in der die sexuelle Bekanntschaft beendet wird – meist mit der Begründung, dass man jemanden kennengelernt hat, mit dem es etwas Ernstes ist. Interessanterweise fühlte sich das für mich immer wie ein echtes Schlussmachen an. So gesehen hat man innerhalb kurzer Zeit oft mehr Beziehungsstress als eine entspannte, ruhige Zeit. Kennenlernen, Sex, Treffen und das abrupte Ende. Entspannter Sex ohne Stress sieht anders aus.
Variante 2: Auch das kommt häufig vor: Die Sexfreundschaft schleicht sich von selbst aus. Anfangs war es spannend und hatte den Hauch eines prickelnden Abenteuers. Dann setzt ein Sättigungseffekt ein. Man merkt, dass die andere Person einen auf Dauer doch nicht so richtig fesselt. Auch die Gespräche zwischen dem Sex und die Persönlichkeit passen eben nicht perfekt. Der anfängliche Reiz hat das anfangs noch übertüncht, aber nach ein paar Monaten kann der reine Sex das nicht mehr ausgleichen. Man trifft sich seltener, und auf einmal ist der Kontakt still und leise eingeschlafen.
Variante 3: Der Reiz erlischt plötzlich abrupt. Die Frau oder ich merken nach ein paar Treffen, dass man den anderen schlichtweg nicht wirklich attraktiv findet. Das Parfüm, Eigenarten im Alltag oder eine plumpe Art mit niveaulosen Witzen fangen an zu nerven. Nach drei oder vier Treffen meldet man sich einfach nicht mehr – eine schnelle Trennung im vermeintlichen Einvernehmen.
Sexbekanntschaften als Notlösung
Häufig werden Sexbekanntschaften auch als Übergangslösung genutzt, bis man entweder einen passenderen Sexpartner oder den perfekten Beziehungspartner gefunden hat. Man ist sozusagen zweite oder dritte Wahl und dient vor allem der sexuellen Befriedigung und Bestätigung, bis sich jemand anderes findet. Manche halten sich sogar zwei oder drei Sexfreundschaften parallel – eine organisatorisch und emotional durchaus fordernde Angelegenheit. Zwar kann man das offen kommunizieren, aber gut ankommt das in den seltensten Fällen.
Einmal habe ich eine Sexfreundschaft parallel zu einer neuen echten Beziehung weiterlaufen lassen, weil ich innerlich noch nicht bereit war, sie komplett aufzugeben. Als diese neue Beziehung dann unvermittelt in die Brüche ging, wagte ich den Schritt und ging eine feste Partnerschaft mit meiner Sexfreundin ein. Sie stimmte sofort zu, was mich nicht überraschte, da ich vermutet hatte, dass sie tiefere Gefühle für mich hegte. Nicht gerade die feine Art, ich weiß. Dennoch beendete ich diese Partnerschaft nach kurzer Zeit wieder.
Der Grund war simpel: Ich konnte mit ihr als Partnerin im Alltag überhaupt nichts anfangen. Unsere Einstellungen waren viel zu unterschiedlich, und es hat mir schlicht keinen Spaß gemacht, mich mit ihr zu unterhalten. Wenn man mit seinem Partner aber nicht gut reden und lachen kann, hat eine feste Partnerschaft keinen Sinn. So zumindest meine Erfahrung.
Wenn man nicht aufpasst, ist das Chaos vorprogrammiert
Ihr seht, liebe Leser, wie schnell ein solches Konstrukt einen in ein emotionales Chaos stürzen kann. Deswegen mein ehrlicher Rat an alle, die mit dem Gedanken spielen, eine Sexfreundschaft auszuprobieren: Seid euch darüber im Klaren, dass es keine echte Beziehung ist und in den allermeisten Fällen auch keine werden wird. Schottet euch emotional ein Stück weit ab, genießt die Zeit und schraubt die Erwartungen herunter. Sobald es sich für euch ungesund anfühlt, solltet ihr die Reißleine ziehen. Leicht gesagt, ich weiß – und man sollte unbedingt vermeiden, mehrere Affären parallel zu führen. So gut sich das im ersten Moment anfühlen mag, so schnell überfordert es einen auf emotionaler Ebene. Vielleicht beherrschen manche Frauen das Multitasking in diesem Bereich besser, aber ich für meinen Teil kann das nicht unterschreiben.
Wer diese Dynamiken am eigenen Leib erleben und auf dieser Seite seine eigenen Erfahrungen machen möchte, sollte vor allem eins mitbringen: eine gute Portion Ehrlichkeit zu sich selbst und anderen.