Eine erschöpfte Frau schaut nachts im Dunkeln auf das Display ihres Smartphones, während sie sich durch ein Dating-Profil swipt

Das Dating-App-Burnout (Wisch und weg)

Das Wisch-Kartell

Allgegenwärtig haben wir uns an die Herrschaft der Algorithmen gewöhnt. Die Klugen wissen darum und tolerieren es als schwebenden Zustand, die anderen bemerken es nicht einmal, während sie sich durch die immergleichen Feeds wischen. Was auf Instagram und Facebook als Zeittotschlagen begann, hat sich längst auf das Dating übertragen. Man tippt, swipt und wartet auf den nächsten kleinen Dopamin-Kick, gefangen in einer Schleife, die auf schnelle Befriedigung ausgelegt ist und echte Nähe im Grunde unmöglich macht.

Vom bewussten Lesen zum digitalen Daumenkino

Dabei lohnt sich der Blick zurück, um zu sehen, wie radikal sich die Mechanik verschoben hat. Früher hat man noch echte Zeit und bewusste Energie in das Onlinedating investiert. Man saß abends vor einem richtigen Desktop-Rechner, den großen Monitor vor der Nase, und hat Profile Punkt für Punkt gelesen. Man hat sich überlegt, wen man anschreibt, und abgewogen, ob es passen könnte. Heute ist selbst diese elementare Wertschätzung für den potenziellen Gegenüber verfallen. Das ist angeblich zu aufwendig, zu zeitraubend. Stattdessen starrt man auf ein kleines, unübersichtliches Handydisplay, wischt im Sekundentakt und vertraut blind einem Algorithmus, der einen sowieso nur im System halten will.

Wenn der Mensch zum austauschbaren Asset wird

Aus dieser Bequemlichkeit entsteht eine schleichende, fundamentale Entwertung. Und zwar auf beiden Seiten: Sowohl der Datingpartner als auch man selbst verkommen zum austauschbaren Asset. Wenn die Person beim ersten Treffen oder nach drei Nachrichten nicht sofort alle Erwartungen erfüllt, wird sie aussortiert wie ein fehlerhaftes Produkt im Online-Shop. Man wiegt sich in dem trügerischen Gefühl, die absolute Macht und unendliche Auswahl zu haben – vergisst dabei aber völlig, dass das Gegenüber genau dieselbe Superkraft nutzt.

So dreht sich das Karussell immer schneller, bis von der vermeintlichen Freiheit nichts übrig bleibt als pure Erschöpfung. Man ist ausgelaugt, genervt von den immergleichen Treffen und den enttäuschten Projektionen. Und am Ende bleibt oft nur die einzig vernünftige Konsequenz: eine konsequente Datingpause, um sich von diesem digital erzeugten Lärm zu erden und überhaupt erst wieder zu merken, wie sich echte, ungeskriptete Begegnungen anfühlen.